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Schnell auf Toilette

Der obligatorische Bericht zu Dienstag…:

Flashback:

Vor 15 Jahren war der junge Revolvermann zum ersten Mal in dieser Einrichtung in Münster. Er war damals noch Schüler, war zum ersten Mal in seinem Leben mit dem Zug gefahren und war voller Nervosität, ob er das Auswahlverfahren bestehen und sein Berufswunsch somit in Erfüllunge gehen würde.

Nachdem er am ersten Tag des Verfahren den ganzen Tag schriftliche Tests absolviert hatte, stand als letzte Hürde des Tages ein persönliches Gespräch bevor.

Hier war er gelassen. Ein Gespräch - was konnte da schon schief gehen. Man würde ihn ein wenig nach seiner Motivation befragen, schauen wie so seine Vorstellungen und Einstellungen waren. Kein Problem. Alles Fragen, die er ruhig und gelassen beantworten konnte.

Der Mann, der ihm gegenüber saß, schien irgendwelche Vorbehalte zu haben. Er schaute unfreundlich.

Nomak erwartete Fragen bzgl seiner Berufsmotivation und erstarrte, als der Interviewer ihm die Frage "Was wissen Sie über Bangladesch?" wie eine Ohrfeige verpasste. "Ähm…Da kann ich nichts zu sagen." Der Mann schaute weiter aggressiv fordernd und schien Blut geleckt zu haben. "Dann erzählen Sie mal ´was über die Kurden!" Ein weiterer Tiefschlag. "Ähm… Das sind so Ausländer. Hm… Ich glaube, die hungern gerade. Oder so…!?"

"Ha, das kann ja wohl nicht wahr sein. So etwas Desinteressiertes." Der Mann scheint zufrieden, dass sich seine ablehnende Haltung bestätigt hat.

Er wühlt in Unterlagen und runzelt die Stirn.

Er räuspert sich. "Hm… Ihre Ergebnisse bei den schriftlichen Tests waren ganz gut.. Ich lasse Sie mal zum zweiten Testtag morgen zu. Aber ich sagen Ihnen ganz ehrlich: Ich hoffe, dass sie spätestens morgen ausscheiden. Ich möchte niemanden wie Sie als Kollegen haben."

Der Revolvermann nickte und verließ bedrückt den Raum…

Gegenwart:

Der Wecker klingelt um fünf Uhr morgens. Ich bin sofort hellwach habe aber das Gefühl, dass ich so gut wie gar nicht geschlafen habe.

Okay, der große Tag ist endlich da. Das Warten hat ein Ende. Konzentrier Dich und bleib ruhig.

Ich mache mich ruhig fertig, trinke noch einen Kaffee und esse zwei Toast mit Marmelade. Schön den Kreislauf in Gang bringen.

Gegen sechs Uhr breche ich auf. Ich habe viel Zeit. Falls ein Stau auftritt, versaut mir das nicht den Tag. Es gibt keinen Stau. Ich bin schon um kurz nach sieben in Münster und habe nun bis halb neun Zeit.

Okay, jetzt im Auto sitzen zu bleiben ist Quatsch. Ich gehe in die Kantine. Ich nehme nur einen Kaffee. Der Mann an der Kasse schaut mich fragend an: "Nur den Kaffee? Sonst nichts?" Ich nicke bescheiden.

Er winkt mich durch. "Dann kostet das nichts."

Ich setze mich alleine an einen Tisch, trinke meinen Kaffee und schaue mir die Leute um mich herum an. Alle möglichen Seminarteilnehmer, die zusammen frühstücken und fröhlich plaudern. Dann bleibt ein Mann im braunen Anzug neben mir stehen. "Na, bist Du auch zum Auswahlverfehren hier? Setzt Dich doch zu uns." Ich setze mich zu zwei Männern an den Tisch. Beide mitte bis Ende dreißig, beide im braunen Anzug.

Einer von ihnen hat bereits einmal vergeblich an dem Verfahren teilgenommen und ist gescheitert. Das ist sein letzter Versuch.

Wir plaudern ein wenig und machen uns kurz nach acht auf den Weg zu den Seminarräumen.

Ich geh lieber schnell noch mal auf die Toilette.

Nach der Anwesenheitskontrolle stellt sich die Kommission vor: Vier Psychologen, vier Top-Führungskräfte. Einer der Psychologen scheint der Leiter zu sein. Er skizziert kurz den Tagesaublauf und schickt uns zum Warten wieder raus.

Die Gruppendiskussionen stehen bevor. Ein kleiner Kerl ist ebenfalls zum zweiten Mal hier. Er trägt einen hellgrauen Anzug und ein leuchtend rotes Hemd. Keine Krawatte. Er ist sichtlich stolz, dass er genau weiß, wie dieser Tag abläuft.

Ich gehe lieber noch mal schnell auf die Toilette. Boah, sind meine Hände kalt.

Es geht los. Die 12 Kandidaten werden in Gruppen von je sechs Leuten eingeteilt und in zwei Räume geschickt. "Okay, diskutieren Sie jetzt 20 Minuten über das Thema -Sollte man den Irak in der aktuellen Situation sich selbst überlassen-!" Oh, je… Die anderen sprudeln sofort los. Haben die auf das Thema nur gewartet? Die Psychologen schreiben und schreiben. Zweimal melde ich mich zu Wort; bin aber eindeutig der Ruhigste. Naja, wenigstens einer muss ja auch zuhören.

Der Wecker piepst. "Danke, das war es. Sprechen Sie jetzt bitte über das Thema -Rentenkürzungen für Kinderlose-!" Oh, Shit… Die anderen fünf überschlagen sich vor wichtigen Wortbeiträgen, ich sage einmal etwas.

Wir verlassen den Raum und ich fühle mich beschissen. Die erste Runde war eine klare Niederlage.

Die Gruppen werden neu gemischt.

Ich gehe lieber noch mal schnell auf die Toilette.

Zu sechst betreten wir wieder einen Seminarraum. Wir sollen gemeinsam eine Gruppenaufgabe lösen. Der Kleine mit dem roten Hemd sprudelt ein Konzept herunter, bevor einer von uns auch nur Luft holen kann. Der nervt. Hyperaktiv, pseudo-gut gelaunt, künstlich. Okay, er macht den Vorturner. Wir anderen sind mit Ideen und Wortbeiträgen ungefähr gleich stark.

Nach einer halben Stunde werden wir in die Mittagspause entlassen.

Wir sitzen zu viert am Tisch. Die einzige Frau aus der Gruppe, einer von den Jungs im braunen Anzug und das rote Hemd.

Ich esse langsam ein wenig Gemüsesuppe. Die anderen sind in der gleichen gedrückten Stimmung - bis auf Mr Rothemd. "Hey, nehmt ihr alle keinen Nachtisch? Das wird euch doch hier wohl nicht auf den Magen schlagen, hahaha." Wir sprechen leise über die noch vor uns liegenden Aufgaben. Der Vortrag macht uns am meisten zu schaffen. "Der Vortrag? Ach, das ist kein Problem. Hm…ganz toller Nachtisch. Ihr verpasst da echt was." Halt die Fresse, Rothemd.

Gleich ist es soweit. Vortrag halten.

Ich gehe lieber nochmal schnell auf die Toilette.

Ich darf aus einem Stapel Karten zwei ziehen. Auf meinen Karten steht "Schwarzarbeit" und "Generationskonflikt". Schwarzarbeit gebe ich sofort zurück und mache mir 20 Minuten Gedanken über Generationskonflikte.

Ich habe die Vorgabe höchstens 7 Minuten, aber mindestens 5 Minuten vorzutragen. Ich habe extra dafür heute eine Armbanduhr angezogen.

Als ich den Raum betrete, wo mich zwei Führungskräfte und zwei Psychologen erwarten, vergesse ich natürlich auf die Uhr zu schauen.

Ruhig trage ich vor. Eine Frau schaut mich die ganze Zeit aufmerksam an und nickt ab und zu. Die drei anderen sind nur am schreiben und machen Notizen.

Als ich den Raum verlasse, fühle ich mich ganz gut. Wenn ich nur wüsste, wie lange ich gesprochen habe, würde ich sagen, die Einzeldisziplin ist gelungen.

Alle warten auf das Einzelgespräch. Ich bin nun ein wenig lockerer. Was soll da schon geschehen? Da können ja keine doofen Themen dran kommen. Man wird mich nach meiner Aufstiegsmotivation fragen, hören, was ich mir so vorstelle und ob ich mich noch einmal bewerbe, wenn ich jetzt durchfalle.

Die ersten kommen zurück und stöhnen. "Mist, meine Motivationslage konnte ich nicht ausreichend begründen." Kinderspiel, denke ich. Das wird mein stärkster Auftritt heute.

Ich gehe besser nochmal schnell auf die Toilette.

Es erwarten mich der leitende Psychologe und die Dame, die mir beim Vortrag so nett zugehört hat.

Der Psychologe will wissen, wie ich den Tag empfunden habe,was ich über das Auswahlverfahren denke.

Ich äußere mich kritisch, weil ich die Situationen sehr künstlich finde.

Er schaut mich lauernd an. Ein Lächeln breitet sich auf seinem Gesicht aus. "Sagen Sie mal - wie heisst der Bundeswirtschaftsminister?" Schluck. "Ich weiss es nicht." Er lehnt sich zufrieden zurück. Er lächelt. "Wie heisst der Bundesfinanzminister?" Verdammt. Meine Gedanken rasen. Wie heisst er, wie heisst er. Die neue Regierung, denk nach.

Der Psychologe schaut mich lächelnd an. "Da können Sie mich ruhig anschauen, wir lassen Sie jetzt da hängen." Da Dame neben ihm schüttelt entschlossen den Kopf. "Nein, das werden wir nicht! Er war früher der Ministerpräsident von NRW." Ich denke laut:"Okay, jetzt haben wir Herrn Rüttgers. Früher war es Johannes Rau. Es handelt sich um….um Peer Steinbrück!" "Genau", sagt sie und lächelt erleichtert.

Er räuspert sich. "Naja, und wer ist der Bundesinnenminister?" "Wolfgang Schäuble", sage ich entschlossen. Innerlich fühle ich mich, als hätte ich vier Liter Eis im Magen. Was geht hier ab? Was macht der Mann da? "Komisch, den kennen Sie alle. Naja, ihre Aufstiegsmotivation etc, haben Sie ja dermaßen erschöpfend schriftlich dargelegt, da gehen wir gar nicht weiter drauf ein." Heul, das kann doch nicht euer Ernst sein.

Er stellt noch ein paar Fragen zu meinem Lebenslauf, will noch ein paar Stärken und Schwächen von mir wissen. Ich gebe die Antworten, versuche ruhig und konzentriert zu wirken. In mir ist Chaos. Wirtschaftsminister, Finanzminister… "So, ich habe keine Fragen mehr. Ich bedanke mich, dass sie uns ihre Zeit geschenkt haben und diesen Tag alles mitgemacht haben, obwohl Sie ja dem Verfahren so kritisch gegenüber stehen, was Sie uns zeitweise auch haben spüren lassen. Gute Heimfahrt." Ich mache gute Miene zum bösen Spiel, bleibe kontrolliert, gebe artig erst ihr, dann ihm die Hand und verlasse das Gebäude.

Es ist kurz nach fünf. Mein Rücken tut weh und ich fühle mich ausgelaugt. Auf die Toilette gehe ich hier aber nicht mehr…

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