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Enttäuschung und Zweifel

umsonst2

Wissen Sie, ich dachte, ich hätte mein Leben im Griff…Doch eines Tages brach plötzlich der Griff ab…Aber wenn oben rot ist, warum ist dann unten links?"

(Groucho, Dylan Dog Nr. 17)

Trotz verstopfter Nase und trockenem Hals bin ich nach dem Spätdienst etwas über eine halbe Stunde durch die einsamen Straßen gelaufen, über die sich bereits die Dämmerung gesenkt hat. Zum Duschen ist es noch zu früh, denn der Schweiss läuft mir in Strömen herunter. Wenigstens kann ich jetzt durch die Nase atmen.

Es ist dunkel. Nur das gedämpfte Licht einer dunkelgrünen Tischlampe und der bläuliche Schein des Computermonitors erhellen den Raum. Auch meine Stimmung ist leicht trüb.

In der vergangenen Woche fand die dritte Runde des Auswahlverfahrens statt (ich habe hier, hier, hier und hier davon berichtet).

Ohne mich.

Eine Absage habe ich nicht erhalten, aber ich wurde auch nicht dazu eingeladen. Tja, das war es dann. Seit Tagen geht es mir immer wieder durch den Kopf. Ich habe es nicht geschafft. Nicht mal in die letzte Runde. Wie verpacke ich das am Besten?

Ich habe mich nicht nur einfach so mal dafür beworben, um es einfach mal zu versuchen.

Vor 14 Jahren habe ich in diesem Beruf angefangen, und schon damals wusste ich, dass ich nach "ganz oben" will. Von Anfang an war das mein Ziel und ich habe alles versucht, um dort hinzukommen. Meine Ausbildung habe ich gehasst. Trotzdem biss ich die Zähne immer wieder zusammen und machte mir mein Ziel bewusst. Es gelang mir die Ausbildung als Klassenbester mit einem "Sehr Gut" zu beenden. Aufgrund dieser guten Note war es mir möglich, mich bereits zweieinhalb Jahre später für ein Studium zu bewerben. Ich bestand das erforderliche Auswahlverfahren und studierte zwei weitere Jahre an einer Fachhochschule. Hier gelang es mir zumindest mit einem "Gut" abzuschließen.

Kurz nach dem Studium, konnte ich mich gegen zwei Mitbewerber vor einer kleinen Auswahlkommission durchsetzen, besuchte einen weiteren Lehrgang und erlangte den Status einer mittleren Führungskraft.

Nach dem Studium war eine Wartezeit von 6 Jahren sowie mindestens ein Jahr in einer anderen Stadt vorgeschrieben. Ich wechselte brav einmal die Stadt und war immer zu Stelle, wenn mal wieder irgendwo personell Not am Mann war. So oft wie ich hat in 6 Jahren wohl kaum jemand die Stelle gewechselt.

Einen ganzen Urlaub habe ich mich mit albernen Aufgaben herumgeplagt, um einen Intelligenztest zu bestehen. Einen anderen Urlaub habe ich nahezu jeden Abend der besten Frau von allen einen sinnlosen Vortrag gehalten, um mich darin zu üben.

14 Jahre kämpfen, 14 Jahre unermüdlich guten Willen und die Bereitschaft zu Sonderaufgaben zeigen. Alles umsonst.

Jahrelang habe ich Sprüche von den Kollegen bekommen, die mich immer schon in der Position eines "hohen Chefs" gesehen haben. Was denken sie jetzt von mir? Sind sie enttäuscht von mir? Sind sie schadenfroh? Sinke ich jetzt im Ansehen meiner Vorgesetzten? Ist meine Familie enttäuscht von mir? Habe ich mir immer selbst etwas vorgemacht? Kann ich viel weniger als ich immer selbst gedacht habe? Wer bin ich - hat das Auswahlverfahren, haben die Psychologen versagt oder bin ich einfach nur ein Straßenköter, der seine höchstmögliche Position bereits erreicht hat?

Ich bin aber unruhig. Ich muss noch über 30 Jahre arbeiten. Ich kann mir nicht vorstellen, die nächsten 30 Jahre einfach auf der Stelle zu stehen. Kein Vorwärtskommen mehr? Keine neuen Aufgaben, keine neue höhere Verantwortung mehr?

Ist das denn wirklich so schlimm? Hier weiss ich, was ich tue. Ich muss meine Arbeitsstelle nicht wechseln, ich kenne die Kollegen alle. Kein Stress. Kein Umzug nötig. Auf der anderen Seite kein höheres Gehalt, keine Spannung, kein Ruhm, keine Ehre - und vor allem das Gefühl, versagt zu haben.

Theoretisch kann ich es noch einmal versuchen. Soll ich das machen?

Hätte ich jetzt das Verfahren bestanden, hätte ich dieses Jahr mit dem Studium begonnen und wäre in zwei Jahren fertig gewesen.

Wenn ich es nächstes Jahr noch einmal versuche und tatsächlich bestehe, muss ich eine neue Art Studium absolvieren, das dann vier Jahre dauert. VIER Jahre. Seufz. Irgendwann hat man keine Lust mehr auf Ausbildung und VIER Jahre können verdammt lang sein, wenn sie von Projektarbeiten, Vorträgen, Klausuren und mündlichen Prüfungen geprägt sind.

Okay. Noch habe ich immer noch nicht schriftlich, dass ich durchgefallen bin. Wenn das soweit ist, muss ich erstmal in Erfahrung bringen, warum die Psychologen mich nicht mochten. Vielleicht hat ein neuer Versuch ja gar keinen Sinn. Manche Charaktereigenschaften ändert man nicht.

So viele Fragen, so viele Ungewissheiten, so viele Zweifel. Wer bin ich?

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