Gedanken eines Revolvermannes
„Der Mann in schwarz floh in die Wüste und der Revolvermann folgte ihm …“
Geschribbsel III
"Typisch für die dissoziale Persönlichkeitsstörung sind Verantwortungslosigkeit und Missachtung sozialer Normen, Regeln und Verpflichtungen, fehlendes Schuldbewusstsein sowie geringes Einfühlungsvermögen in andere. Oft besteht eine niedrige Schwelle für aggressives bzw. gewalttätiges Verhalten, eine geringe Frustrationstoleranz sowie mangelnde Lernfähigkeit aufgrund von Erfahrung. Beziehungen zu anderen Menschen werden eingegangen, sind jedoch nicht stabil.
Menschen mit dissozialer Persönlichkeitsstörung kommen häufig mit dem Gesetz in Konflikt. Der ältere Begriff "Psychopathie" für diese Störung wird in der aktuellen Literatur nicht mehr verwendet."
(Wikipedia)
Eine dissoziale Persönlichkeitsstörung hatte man ihm im jugendlichen Alter diagnostiziert, nachdem er wiederholt straffällig geworden war. Er sah das anders. Er war nicht krank. Er war…unverkrampft und wusste, was er wollte. Entschlossen und unabhängig. Ja, so würde er sich selbst beschreiben.
Er sah das so: Es war sein Leben und da musste er schließlich am besten wissen, was für sein Leben gut und richtig war.
Gesetze, Verordnungen, Regeln - alles viel zu allgemein. Die Menschen, die sie erdacht hatten, hatten sich sicher eine Menge Mühe gemacht. Aber sie kannten ihn ja gar nicht. Woher sollte sie wissen, was für ihn das Beste war. Und darum ging es schließlich im Leben: glücklich zu werden und zu bleiben. Die meisten anderen Menschen machten sich das so schwer. Sie waren so verkrampft, so unentspannt, so weinerlich.
Er ruhte in sich selbst. Wenn er etwas wollte, dann nahm er es sich. Zum Beispiel seinen Namen. Genau wie Gesetzgeber nicht wissen, was für ihn das Richtige ist, wussten auch seine Eltern nicht, was er für einen Namen haben wollte. Er dagegen wusste, was er wollte. Er wollte so heissen wie eine Figur aus einem Stephen King Roman, ein Bierbrauer mit akademischem Abschluss und einer Schwäche für Raufereien und philosophische Diskussionen: Armand St. Pierre.
Dieser Name stand heute auch in seinem Ausweis, auch wenn er natürlich nicht unter diesem Namen geboren war.
Laute Stimmen rissen ihn aus seinen Gedanken. Er befand sich auf einer gemütlichen Liege am sonnenbeschienen Pool eines Fünf-Sterne-Hotels in der Türkei.
Ein paar Meter entfernt stand ein offentlich deutscher Tourist, der einen türkischen Jungen beschimpfte. Der Junge war gerade dabei eine Frau mit einem Henna-Tattoo zu beglücken, während der untersetzte Mann in der schwarzen Badeshorts ihn mit lauter Stimme auf englisch beschimpfte: "…my wife. Don´t you ever do that again. I have a good job at home and what do you do? You are nothing. If you want, we can go to the beach and fight!" Der türkische Junge versuchte ein paarmal leise etwas zu erwidern, kam aber gegen die Stimme und den Redeschwall des aufgebrachten Mittvierzigers nicht an. Er gab es schließlich auf, ignorierte den Mann und widmete sich seiner Kundin.
Der Tourist ging schließlich mit gewölbter Brust und erhobenem Kinn energischen Schrittes in Richtung Hotel, während er immer noch auf englisch vor sich hin knurrte:"…my wife. This is a five-star-hotel. Verdammt noch mal." Die Leute, die sich in der Nähe befanden, hatten während dieses Auftritts alle ihre Gespräche unterbrochen und neugierig herüber geschaut. Die einen geschockt, die anderen sensationslüstern. Nachdem der wütende Mann sich vom Pool entfernt hatte, wurde überall aufgebracht getuschelt.
Er konnte hören, wie auch das junge Paar, das auf den Liegen neben ihm lag, miteinander tuschelte. "Oh, Mann. Das finde ich so asozial. Ist mir richtig peinlich, dass das ein Deutscher war", sagte sie zu ihrem Freund. "Tja, so sind die Kerle halt", entgegnete er schulterzuckend. "Finde ich super scheisse so was. Hat mich einerseits geschockt andererseits wütend gemacht. Mann, solche Typen, weisste…" "Ja, ich weiss, was Du meinst", sagte er mit bedauerndem Gesicht.
Hm. Die beiden hatten recht. Der Kerl war wirklich ziemlich überheblich. Außerdem unfreundlich und unhöflich. Und asozial, genau wie die junge Frau gesagt hatte. Nein, das gefiel ihm nicht. "We can go to the beach and fight", hatte dieses komische HB-Männchen gesagt. Armand begann zu lächeln. Eigentlich eine hübsche Einladung. Ob die nur für den Türken galt? Armands Lächeln wurde breiter und er erhob sich von seiner Liege…
(aus: Fingertanz-Armand-, Nomak, 2006)