Sie sind hier: Startseite > Fingertanz

Die Blogos-Anstalt

Ich bin jetzt schon über ein halbes Jahr hier. Hier, das heißt in der geschlossenen Abteilung einer Klinik für psychisch Kranke.

Sie nennen mich Nomak. Ich weiß nicht, warum ich hier bin und ich weiß nicht, wie mein Leben war, bevor ich hier hin gekommen bin.

Manchmal blitzen Bilder vor meinem inneren Auge auf. Sie sind bunt und hektisch. Sie machen mir Angst und dann konzentriere ich mich lieber wieder auf die Gegenwart.

Mir geht es hier gut und ich habe meistens schöne Tage, was vor allem an den Personen liegt, die ich hier um mich herum habe:

Da ist zum einen der Pfleger, Ali. Er ist ein dünner, junger Mann mit langen Haaren und einer Brille. Er sieht eigentlich aus wie ein Computerhacker, aber er kann wirklich gut mit Menschen umgehen und lacht viel und gerne.

Einmal pro Woche kommt Dr. Vetter auf unsere Station. Er hat schütteres Haar und trägt auch eine Brille. Er ist immer sehr schick gekleidet und wirkt ein wenig streng. Dabei ist er auch sehr nett und hat einen ganz feinen, stillen Humor. „Na, Revolvermann, alles im Lack?“, sagt er immer, wenn er mich sieht. Dazu macht er mit der Hand eine Geste, als hätte er eine Pistole und zwinkert mir zu.

In meinem Schlafsaal liegen außer mir DJ Subotage, MC Winkel, Spökiburger, Herr Grob und Doktor Sno.

DJ ist ungefähr so alt wie ich. Er ist ein ruhiger Mann, der niemandem etwas tut. Wenn die Sonne durch das Fenster scheint, wiederholt er alle paar Augenblicke immer die beiden Sätze „Ich könnte jetzt schön draußen Fahrradfahren“ und „Warum grillen wir nicht?“. Leider dürfen wir ja nicht einfach raus, wann wir wollen. Ich habe ihm das gesagt, aber er hat nur verständnisvoll genickt, um seine Litanei von neuem zu beginnen. Inzwischen reagiert da keiner mehr drauf. Ansonsten ist er ziemlich still. Es sei denn, jemand pfeift oder singt etwas. Dann reagiert er, als hätte er Sprechkapseln für Wellensittiche bekommen und erzählt ohne Punkt und Komma von irgendwelchen Platten, Konzerten und Musikern. Ich habe von denen noch nie gehört. Ich weiß nicht, ob er sich das alles ausdenkt, aber schließlich kenne ich auch nur die Welt hier drinnen.

MC Winkel hält sich für einen Moderator. Mich nervt ein wenig dieser leicht hamburgerische Klang seiner Stimme, aber es macht immer Spaß, wenn er jeden Abend, pünktlich um viertel nach acht, seine Show abzieht. Er tut dann immer so, als wäre er der Moderator einer TV-Sendung, die er „Wetten dass…“ nennt. Wir anderen setzen uns dann brav auf unsere Stühle und sind das Publikum. Manchmal dürfen wir auch mitspielen und sind dann seine Kandidaten. Dann muss sich einer von uns eine Wette ausdenken. Einmal durfte ich Kandidat sein. Ich habe gewettet, dass ich ihn sogar mit links im Armdrücken schlagen könnte. Natürlich habe ich gewonnen und eigentlich hätte er dafür eine Woche meine Unterhose auf dem Kopf tragen müssen, aber das hat Ali nicht erlaubt. Aber gelacht hat er dabei.

Spökiburger hat ein Musikinstrument. Ich finde, es sieht aus wie eine kleine Gitarre, aber er sagt, der Name sei anders, aber das kann ich mir nie merken. Er kann wirklich schöne Musik machen und singt auch gut. Er ist auch so ein prima Kerl, mit dem ich mich gerne unterhalte. Nur manchmal, meistens kurz bevor wir um 17:00 Uhr unsere Medikamente bekommen, wird er komisch. Er sagt dann, er hieße Nicole und müsse zum Bauch-Beine-Po-Training wegen seiner Problemzonen. Da ist er mir dann immer ein wenig unheimlich.

Ein wenig unheimlich ist auch Herr Grob. Er möchte nur „Herr Grob“ genannt werden und besteht darauf, dass ihn alle siezen. Er ist recht streng und meistens weiß niemand, wovon er spricht. Manchmal erzählt er von seinen Erfahrungen auf einem Raumschiff. Und immer, wenn er mich irgendwo sieht begrüßt er mich mit den Worten „Na, Du, kleiner dsungarischer Zwerghamster, was machst Du da?“ Es ist egal, was ich auf diese Frage antworte, die daraus entstehenden Dialoge sind immer sehr befremdlich und verschüchtern mich ein wenig. Aber das geht den anderen genauso. Spökiburger nennt er immer „Herr Molle“; da muss ich dann immer lachen.

Mein bester Freund hier ist Doktor Sno. Stundenlang sitzen wir zusammen am Tisch im Gruppenraum und malen Bilder zusammen und denken uns Geschichten aus. Er heißt Doktor Sno, weil er immer so tut, als würde er auf Skiern fahren. Wenn er geht, kommentiert er immer alles, etwa so:

„Achtung, da vorne ist Tiefschnee. So, hier kann man mal Schuss fahren. Oh, oh…hier besser nur Schneepflug.“ Schneepflug. Das muss er immer machen, wenn Fabian uns das Essen bringt. Fabian ist ein ganz junger Kerl, der hier in der Küche arbeitet. Er ist sehr nett, aber einmal hat Sno ihn „im Schuss“ „angefahren“, als er gerade ein Tablett mit Geschirr trug. Die Folge war, dass Fabian Sno fürchterlich ausgeschimpft hat und Sno eine Woche nicht malen durfte.

Sno meinte allerdings mal leise zu mir, dass der Unfall Fabians Schuld gewesen sei, weil der so unbeholfen aus seinem Snowboard sei.

Einmal pro Woche werden wir zum Teetrinken in die Frauenstation geführt. Ich setze mich dann immer an den Tisch von Bine Brummelschlumpf. Sie sagte, sie habe früher Artikel für Zeitungen geschrieben, und sie schaut jeden Abend die Nachrichten im Fernsehen.

Raphael, der Pfleger der Frauenstation bringt ihr immer alle möglichen Zeitungen und Zeitschriften mit, die sie dann mit mir zusammen anschaut. Vieles ist mir fremd, aber Bine Brummelschumpf kann gut erklären.

To be continued…

6 Kommentare