Sie sind hier: Startseite > Fingertanz

Der Mann im schwarzen T-Shirt

t-shirt

Der Mann im schwarzen T-Shirt räumte langsam die persönlichen Gegenstände aus seinem Schreibtisch in einen Karton. 20 Jahre hatte er in dieser Firma gearbeitet und nun endete dieses Verhältnis so schnell und ansatzlos wie ein Blitzschlag im Sommer.

"Sie müssen verstehen…schlechte wirtschaftliche Lage…tut uns sicher mehr weh als Ihnen…" Er hatte keine Vorstellung wie lange das Gespräch mit Herrn Simon gedauert hatte. Er war wie betäubt. Sicher hatte er in der letzten Zeit Fehler gemacht. Er war häufig müde und unkonzentriert gewesen. Seit Carol die Fehlgeburt gehabt hatte, war zu Hause alles anders geworden. Sie saß nur noch teilnahmslos herum und trank zu viel.

Er hatte all seine freie Zeit damit zugebracht, dass er sich um alles kümmerte. Nach der Arbeit fuhr er gewöhnlich einkaufen. Anschließend kümmerte er sich zu Hause um den Haushalt und den kleinen Garten, machte Essen für Carol und Joshua und sah die Hausaufgaben seines Sohnes nach. Das wurde allerdings auch mehr und mehr zu einem Krampf. Immer häufiger behauptete Josh, sie hätten keine Hausaufgaben aufbekommen und dreimal hatte seine Lehrerin abends bei ihnen angerufen, um ihre Besorgnis über Joshuas auffällige Verhaltensänderung zu äußern. Josh war jetzt neun. Es würde sicher nicht mehr lange dauern, bis er sich für Alkohol und Mädchen interessieren würde.

Der Mann im schwarzen T-Shirt fuhr sich müde über das Gesicht. Er hatte mal einen Film mit Bruce Willis gesehen, in dem dieser in einer Szene sagte:"Jeden Morgen wache ich mit einem Gefühl der Traurigkeit auf, weil ich das Gefühl habe, dass irgendwas in meinem Leben nicht stimmt." Der Mann im schwarzen T-Shirt lächelte bitter. Er wachte auch jeden Morgen traurig auf und blickte dem Tag freudlos entgegen, aber im Gegensatz zu Bruce wusste er genau, was in seinem Leben nicht stimmt. Er wünschte sich, er wüsste dafür aber auch, was in seinem Leben stimmte. Was machte ihm denn noch Freude? Seine Frau hatte sich völlig in ihre eigene Welt zurückgezogen und sprach so gut wie gar nicht mehr mit ihm, sein Sohn wurde ihm von Tag zu Tag fremder. Für seine Hobbys hatte er schon seit langem keine Zeit mehr. Inzwischen hätte er aber auch gar nicht mehr die Kraft, sich zum joggen oder zeichnen aufzuraffen. Er war innerlich so müde.

Er ging mit langsamen Schritten aus dem Gebäude, in dem er so viele Stunden seines Lebens verbracht hat. Den Koffer, in dem sein ganzes Büroleben enthalten war, trägt er vor der Brust. Dann ist er an seinem Auto angekommen. Dieser Wagen war sein großer Schatz: Ein Daimler-Benz W109 von 1968, Typ 300 SEL 6.3 mit V8-Motor und mit Automatikgetriebe. Der Wagen war schwarz und hatte Weißwand-Reifen. Der Mann im schwarzen T-Shirt hatte den Wagen gut gepflegt. Jetzt zierte ein großes "Z" die Motorhaube, wo jemand seiner Zerstörungswut freien Lauf gelassen hatte. Der Mann stellte den Karton auf den Boden und fuhr langsam mit dem Finger über die frischen Kratzer. Wie betäubt setzte er sich anschließend in den Wagen und ließ den Karton achtlos stehen. "Wofür noch?", fragte er sich mit tonloser Stimme.

Während der ganzen Fahrt nach Hause, dachte er über die verschiedenen Arten nach wie man Selbstmord begehen kann. Immer wieder glitt seine Hand zu seiner Gesäßtasche in der er sein geliebtes Spyderco-Messer aufbewahrte. "Sein OP-Besteck" wie er es liebevoll nannte. Es war das Modell "Police", das komplett in silber gehalten war, über eine rasiermesserscharfe Klinge verfügte und ihn damals 200,- Euro gekostet hatte. "Männerspielzeug", hatte Carol damals geseufzt. "Wäre ja alles schön und gut, wenn das nicht immer so teuer wäre." Sich mit dem Spyderco-Messer den Hals aufzuschneiden fand er schon stilvoll, gleichzeitig schreckte er davor zurück.

Als er in die Straße einbog, in der er seit der Hochzeit vor 18 Jahren mit Carol eingezogen war, sah er zunächst nur Blaulicht. Feuerwehr, Polizei und ein Gewusel von Menschen. Wie ein eifriges Heer von Ameisen. Er sah auch sein Haus. Oder besser das, was davon noch übrig war. Der Mann im schwarzen T-Shirt wendete ruhig den W109 und fuhr weiter. Er wusste nicht, wohin er fuhr. Es war auch egal. Einfach erstmal nur weg…

1 Kommentar