Gedanken eines Revolvermannes
„Der Mann in schwarz floh in die Wüste und der Revolvermann folgte ihm …“
Fingertanz
Die Blogos-Anstalt - Kapitel 3

Ich bin jetzt schon über ein halbes Jahr hier. Hier, das heißt in der geschlossenen Abteilung einer Klinik für psychisch Kranke. Sie nennen mich Nomak. Ich weiß nicht, warum ich hier bin und ich weiß nicht, wie mein Leben war, bevor ich hier hin gekommen bin. Manchmal blitzen Bilder vor meinem inneren Auge auf. Sie sind bunt und hektisch. Sie machen mir Angst und dann konzentriere ich mich lieber wieder auf die Gegenwart.
Es ist immer noch Sommer und es ist ganz schön heiss.
Spökiburger und MC Winkel sind inzwischen wieder da, was mich sehr freut. Spökiburger hat mir von draußen Comics mitgebracht und seitdem vergeht hier die Zeit für mich wie im Fluge. Lobo heissen die Comics und obwohl Lobo eigentlich ziemlich böse ist, finde ich ihn richtig klasse. Ich habe versucht den anderen hier klar zu machen, dass sie mich ab jetzt "Lobo, der Präsi" nennen sollen, aber das klappt irgendwie nicht. Naja, Herr Grob ist ja noch nicht mal so weit, dass er mich Nomak nennt. Für ihn bin ich noch immer meistens der "kleine dsungarische Zwerghamster".
Ist aber vielleicht auch besser so. Der Ali findet die Comics auch ganz cool und leiht sich sogar manchmal eins, aber als Dr. Vetter hier war, da hat er mich ganz ernst angeschaut und gefragt, ob mir diese Gewaltverherrlichung gefalle und ob ich das für richtig halte. Mein Freund Sno hatte das zum Glück mitbekommen und hinter Dr. Vetter heftig den Kopf geschüttelt. Ich habe dann gesagt, dass ich das nicht gut finde und dass ich auch gegen Gewalt bin und dass ich die Comics nur sorgfältig betrachte, um die Zeichungen zu studieren. So quasi als Vorlage eines Profis. Dr. Vetter hat mich ernst angeschaut und gesagt "Na, schön. Bleib bei dieser Einstellung. Wir sprechen nächste Woche wieder darüber." Weil er so ernst war und Sno mir die ganze Zeit Zeichen gemacht hat, habe ich dann gar nicht mehr von meiner Lieblingsszene erzählt, in der Lobo von einem ca. 3 Meter großen und 800 kg schweren Supergorilla so richtig feist auf die Fresse bekommt und ausruft "Du Bastard, das hat jetzt aber gezwickt…" Obwohl - das ist auch echt gut gezeichnet.
Naja, Sno ist im Moment auch weg. Seine Mama hat ihn abgeholt, damit er mal Urlaub machen kann. Finde ich schade, weil ich doch mit ihm normalerweise immer zusammen male, aber er hat gesagt, wenn er wieder kommt, bringt er mir italienische Salami und Mozzarella mit. Und Bärlauch.
Spökiburger hat viel von seinem Ausflug zu erzählen und ich kann vieles davon gar nicht glauben.
Für den MC war der Ausflug aber nicht gut und Dr. Vetter hat gesagt, dass er sobald nicht wieder raus darf. Er denkt auf einmal ständig, er wäre krank. Erst hat er jedem erzählt, er hätte etwas Schlimmes mit seiner Nase und müsste operiert werden. Dabei hatte er nur ein wenig Heuschnupfen, der jetzt schon wieder weg ist. Dann hat er einmal ganz schlimm geschrien, er wäre taub geworden, weil er uns nicht mehr reden hören könne. Aber es war nacht und wir hatten eigentlich schon geschlafen und gar nicht geredet. Ali konnte ihn beruhigen und ihm klar machen, dass er nur schlecht geträumt hat. Am nächsten Tag wollte er dann direkt wieder einen Arzttermin, weil er meinte, er hätte eine krankhafte Schweissdrüsen-Überfunktion. Er hatte sich mittags aber auch direkt vor ein Fenster in der Sonne gesetzt. Das war alles noch nicht so schlimm - aber dann hat er etwas getan, das ihm eine verstärkte Medikation und einen Aufenthalt im sogenannten Beruhigungsbereich, so eine Art Einzel-Gummizelle eingebracht hat:
Er rannte ganz aufgeregt durch die ganze Station, brabbelte etwas von Krampfadern im Analbereich und nahm Herrn Grob seinen Discman mit den Worten "Da ist er ja - mein Analdehner" weg. Herr Grob war so verblüfft, dass er überhaupt nicht reagierte, als MC sich die Hose herunterzog. Ich bin so froh, dass Ali herbeigerannt kam, denn ich hatte Angst, der Discman würde kaputt gehen. Solange Sno nicht da ist, lässt Herr Grob mich nämlich immer mit ihm seine Gabriel Burns CDs hören. Die sind zwar ein wenig unheimlich (genau wie Herr Grob manchmal), aber ich finde sie auch sehr spannend.
Sehr spannend finde ich auch die Geschichten, die Escher manchmal abends im Schlafraum erzählt. Escher ist ganz neu hier und heisst eigentlich Markus. Aber er nennt sich selbst Escher. Genau wie ein paar unsichtbare Freunde, die scheinbar ständig um ihn herum sind. Mit denen redet er viel. Ich finde das sehr verwirrend, weil ich nur ihn sehe und höre und einer Unterhaltung schwer folgen kann, in der alle Gesprächspartner den gleichen Vornamen haben. Abends höre ich aber gerne zu, wenn er die Geschichte "Porsche in Tarnfarben" erzählt. Da ist einer dabei, der ist wie Bruce Lee. Ari. Wenn dem die Leute blöd kommen, dann haut er die alle kapott. Wenn Dr. Vetter mich fragen würde, würde ich natürlich sagen, ich finde die Gewalt in der Geschichte nicht gut.
Bine kann ich im Moment nicht besuchen.
Irgendwoher hat sie Zigaretten und Bier bekommen und Raphael hat sie erwischt. Sie darf jetzt auch keinen Besuch bekommen und keine neuen Zeitungen lesen. Willkommen - in Vacouver, sage ich da nur.
To be continued…
Projekt Sixpack
Gewicht: 86,3 Sport gestern: Eskrima-Training Points gestern: 27
Der Mann im schwarzen T-Shirt

Der Mann im schwarzen T-Shirt räumte langsam die persönlichen Gegenstände aus seinem Schreibtisch in einen Karton. 20 Jahre hatte er in dieser Firma gearbeitet und nun endete dieses Verhältnis so schnell und ansatzlos wie ein Blitzschlag im Sommer.
"Sie müssen verstehen…schlechte wirtschaftliche Lage…tut uns sicher mehr weh als Ihnen…" Er hatte keine Vorstellung wie lange das Gespräch mit Herrn Simon gedauert hatte. Er war wie betäubt. Sicher hatte er in der letzten Zeit Fehler gemacht. Er war häufig müde und unkonzentriert gewesen. Seit Carol die Fehlgeburt gehabt hatte, war zu Hause alles anders geworden. Sie saß nur noch teilnahmslos herum und trank zu viel.
Er hatte all seine freie Zeit damit zugebracht, dass er sich um alles kümmerte. Nach der Arbeit fuhr er gewöhnlich einkaufen. Anschließend kümmerte er sich zu Hause um den Haushalt und den kleinen Garten, machte Essen für Carol und Joshua und sah die Hausaufgaben seines Sohnes nach. Das wurde allerdings auch mehr und mehr zu einem Krampf. Immer häufiger behauptete Josh, sie hätten keine Hausaufgaben aufbekommen und dreimal hatte seine Lehrerin abends bei ihnen angerufen, um ihre Besorgnis über Joshuas auffällige Verhaltensänderung zu äußern. Josh war jetzt neun. Es würde sicher nicht mehr lange dauern, bis er sich für Alkohol und Mädchen interessieren würde.
Der Mann im schwarzen T-Shirt fuhr sich müde über das Gesicht. Er hatte mal einen Film mit Bruce Willis gesehen, in dem dieser in einer Szene sagte:"Jeden Morgen wache ich mit einem Gefühl der Traurigkeit auf, weil ich das Gefühl habe, dass irgendwas in meinem Leben nicht stimmt." Der Mann im schwarzen T-Shirt lächelte bitter. Er wachte auch jeden Morgen traurig auf und blickte dem Tag freudlos entgegen, aber im Gegensatz zu Bruce wusste er genau, was in seinem Leben nicht stimmt. Er wünschte sich, er wüsste dafür aber auch, was in seinem Leben stimmte. Was machte ihm denn noch Freude? Seine Frau hatte sich völlig in ihre eigene Welt zurückgezogen und sprach so gut wie gar nicht mehr mit ihm, sein Sohn wurde ihm von Tag zu Tag fremder. Für seine Hobbys hatte er schon seit langem keine Zeit mehr. Inzwischen hätte er aber auch gar nicht mehr die Kraft, sich zum joggen oder zeichnen aufzuraffen. Er war innerlich so müde.
Er ging mit langsamen Schritten aus dem Gebäude, in dem er so viele Stunden seines Lebens verbracht hat. Den Koffer, in dem sein ganzes Büroleben enthalten war, trägt er vor der Brust. Dann ist er an seinem Auto angekommen. Dieser Wagen war sein großer Schatz: Ein Daimler-Benz W109 von 1968, Typ 300 SEL 6.3 mit V8-Motor und mit Automatikgetriebe. Der Wagen war schwarz und hatte Weißwand-Reifen. Der Mann im schwarzen T-Shirt hatte den Wagen gut gepflegt. Jetzt zierte ein großes "Z" die Motorhaube, wo jemand seiner Zerstörungswut freien Lauf gelassen hatte. Der Mann stellte den Karton auf den Boden und fuhr langsam mit dem Finger über die frischen Kratzer. Wie betäubt setzte er sich anschließend in den Wagen und ließ den Karton achtlos stehen. "Wofür noch?", fragte er sich mit tonloser Stimme.
Während der ganzen Fahrt nach Hause, dachte er über die verschiedenen Arten nach wie man Selbstmord begehen kann. Immer wieder glitt seine Hand zu seiner Gesäßtasche in der er sein geliebtes Spyderco-Messer aufbewahrte. "Sein OP-Besteck" wie er es liebevoll nannte. Es war das Modell "Police", das komplett in silber gehalten war, über eine rasiermesserscharfe Klinge verfügte und ihn damals 200,- Euro gekostet hatte. "Männerspielzeug", hatte Carol damals geseufzt. "Wäre ja alles schön und gut, wenn das nicht immer so teuer wäre." Sich mit dem Spyderco-Messer den Hals aufzuschneiden fand er schon stilvoll, gleichzeitig schreckte er davor zurück.
Als er in die Straße einbog, in der er seit der Hochzeit vor 18 Jahren mit Carol eingezogen war, sah er zunächst nur Blaulicht. Feuerwehr, Polizei und ein Gewusel von Menschen. Wie ein eifriges Heer von Ameisen. Er sah auch sein Haus. Oder besser das, was davon noch übrig war. Der Mann im schwarzen T-Shirt wendete ruhig den W109 und fuhr weiter. Er wusste nicht, wohin er fuhr. Es war auch egal. Einfach erstmal nur weg…
Die Blogos-Anstalt, Kapitel 2

Ich bin jetzt schon über ein halbes Jahr hier. Hier, das heißt in der geschlossenen Abteilung einer Klinik für psychisch Kranke. Sie nennen mich Nomak. Ich weiß nicht, warum ich hier bin und ich weiß nicht, wie mein Leben war, bevor ich hier hin gekommen bin. Manchmal blitzen Bilder vor meinem inneren Auge auf. Sie sind bunt und hektisch. Sie machen mir Angst und dann konzentriere ich mich lieber wieder auf die Gegenwart.
Mir ist langweilig. Seit Wochen schon gucken immer alle nur noch Fußball. Ich nicht. Ich find das nicht so schön.
Man kann sich auch mit keinem mehr normal unterhalten, wobei das Wort "normal" vielleicht an diesem Ort sowieso fehl am Platze ist.
Spökiburger und MC Winkel dürfen an diesem Wochenende sogar raus, weil Weltmeisterschaft ist.
Vorher war deshalb der Herr Libbertz hier. Herr Libbertz ist, glaube ich, der Anwalt oder Vormund oder so vom Spökiburger.
Herr Libbertz ist dunkelhaarig und sicher noch keine dreissig Jahre.
Er hat einen schönen dunklen Anzug an und wirkt sehr selbstbewusst.
Seine Hände sind aber ganz unruhig. Er spielt immer damit herum.
Er macht ein wenig den Eindruck als sei er auf Entzug, aber das kann ja nicht sein.
Fast hätte das mit dem Ausgang von MC und Spökiburger nicht geklappt:
An einem Abend, als MC wieder Wetten, dass… für uns gespielt hat, hat er gegen Spökiburger gewettet, dass er mehr tolle T-Shirts mit raus nehmen könne und dann der Welt draussen zeigen kann, wie gut gekleidet er ist.
Sno und ich wollten dem Spökiburger dann helfen, die Wette zu gewinnen. Eigentlich war das Quatsch, denn der Gewinn vom Spökiburger wäre eine Fahrt im Opel vom MC gewesen. Dabei weiss sogar Bine Brummelschlumpf , obwohl sie auf der Frauenstation ist, dass MC natürlich gar keinen Opel hat und Spökiburger noch nicht mal schwimmen, geschweige denn autofahren kann.
Naja, Sno und ich wollten trotzdem, dass er gewinnt, und da haben wir uns überlegt wie wir im ganz tolle T-Shirts malen können. Das Problem war nur, dass unsere Buntstifte auf den Shirts nicht gut zu sehen waren. Da kamen wir dann auf die Idee, uns selber Farben zu mischen. Wir haben dann heimlich Ketchup, Senf, Salatsauce und Kakao beim Essen abgefüllt. So richtig deutlich konnte man damit nicht malen, aber auf weißen T-Shirts gibt das trotzdem einen tollen Effekt.
Herr Grob fand den Effekt wohl nicht so toll. Vielleicht fand er aber auch nur nicht gut, dass wir nur seine T-Shirts bemalt hatten. Ich hatte mir so was gleich gedacht, aber Spökiburger meinte, dass Herr Grob sicher stolz sei, wenn seine T-Shirts draußen gesehen würden.
Jedenfalls hatten wir gerade vier seiner Shirts auf dem Boden vor uns ausgebreitet und Sno versuchte mit Ketchup möglichst deutlich "Nicole fährt/ist ein Schuss" auf die weiße Hemdbrust zu schreiben, als Herr Grob die Lage überblickte, kommentarlos herumfuhr und schnurrstracks zu Ali lief. "Herr Ali, zu Ihrer Information: Die Mitinsassen Sno und Nomak haben Nahrungsmittel unterschlagen und fremdes Eigentum beschädigt. Mindestens einer von ihnen trägt Schuhe mit Klettverschluss. Mein Eigentum, namentlich meine Unterhemden, werden ohne Genehmigung herumgereicht wie ein Joint, so dass auch der dringende Tatverdacht eines Verstoßes gegen das Betäubungsmittelgesetz besteht. Verständigen Sie bitte umgehend Commander Burl." Ali verstand wohl nicht alles, was Herr Grob ihm da erzählte. Das Wesentlich leider schon. Sno hat versucht, Ali die Sache zu erklären. Aber als er ihm sagte, dass wir Ketchup und Senf auf die Hemden von Herrn Grob geschmiert hätten, damit Spökiburger Opel fahren kann, hat Ali nur die Augen verdreht und gesagt, dass das Abendessen für uns beide heute ausfiele. Und außerdem mussten wir direkt beide eine Tablette nehmen. Und TV-Verbot gab es auch noch.
Naja, vielleicht gewinnt Spöki aber doch noch. Ich hörte vorhin, wie Herr Grob leise zu DJ raunte:
"Meine Oma hat ´ne Bluse aus Zimt und Korriander, aus Zimt und Korriander…" Vielleicht kann Spöki sich die ja ausleihen…
To be continued…
Die Blogos-Anstalt
Ich bin jetzt schon über ein halbes Jahr hier. Hier, das heißt in der geschlossenen Abteilung einer Klinik für psychisch Kranke.
Sie nennen mich Nomak. Ich weiß nicht, warum ich hier bin und ich weiß nicht, wie mein Leben war, bevor ich hier hin gekommen bin.
Manchmal blitzen Bilder vor meinem inneren Auge auf. Sie sind bunt und hektisch. Sie machen mir Angst und dann konzentriere ich mich lieber wieder auf die Gegenwart.
Mir geht es hier gut und ich habe meistens schöne Tage, was vor allem an den Personen liegt, die ich hier um mich herum habe:
Da ist zum einen der Pfleger, Ali. Er ist ein dünner, junger Mann mit langen Haaren und einer Brille. Er sieht eigentlich aus wie ein Computerhacker, aber er kann wirklich gut mit Menschen umgehen und lacht viel und gerne.
Einmal pro Woche kommt Dr. Vetter auf unsere Station. Er hat schütteres Haar und trägt auch eine Brille. Er ist immer sehr schick gekleidet und wirkt ein wenig streng. Dabei ist er auch sehr nett und hat einen ganz feinen, stillen Humor. „Na, Revolvermann, alles im Lack?“, sagt er immer, wenn er mich sieht. Dazu macht er mit der Hand eine Geste, als hätte er eine Pistole und zwinkert mir zu.
In meinem Schlafsaal liegen außer mir DJ Subotage, MC Winkel, Spökiburger, Herr Grob und Doktor Sno.
DJ ist ungefähr so alt wie ich. Er ist ein ruhiger Mann, der niemandem etwas tut. Wenn die Sonne durch das Fenster scheint, wiederholt er alle paar Augenblicke immer die beiden Sätze „Ich könnte jetzt schön draußen Fahrradfahren“ und „Warum grillen wir nicht?“. Leider dürfen wir ja nicht einfach raus, wann wir wollen. Ich habe ihm das gesagt, aber er hat nur verständnisvoll genickt, um seine Litanei von neuem zu beginnen. Inzwischen reagiert da keiner mehr drauf. Ansonsten ist er ziemlich still. Es sei denn, jemand pfeift oder singt etwas. Dann reagiert er, als hätte er Sprechkapseln für Wellensittiche bekommen und erzählt ohne Punkt und Komma von irgendwelchen Platten, Konzerten und Musikern. Ich habe von denen noch nie gehört. Ich weiß nicht, ob er sich das alles ausdenkt, aber schließlich kenne ich auch nur die Welt hier drinnen.
MC Winkel hält sich für einen Moderator. Mich nervt ein wenig dieser leicht hamburgerische Klang seiner Stimme, aber es macht immer Spaß, wenn er jeden Abend, pünktlich um viertel nach acht, seine Show abzieht. Er tut dann immer so, als wäre er der Moderator einer TV-Sendung, die er „Wetten dass…“ nennt. Wir anderen setzen uns dann brav auf unsere Stühle und sind das Publikum. Manchmal dürfen wir auch mitspielen und sind dann seine Kandidaten. Dann muss sich einer von uns eine Wette ausdenken. Einmal durfte ich Kandidat sein. Ich habe gewettet, dass ich ihn sogar mit links im Armdrücken schlagen könnte. Natürlich habe ich gewonnen und eigentlich hätte er dafür eine Woche meine Unterhose auf dem Kopf tragen müssen, aber das hat Ali nicht erlaubt. Aber gelacht hat er dabei.
Spökiburger hat ein Musikinstrument. Ich finde, es sieht aus wie eine kleine Gitarre, aber er sagt, der Name sei anders, aber das kann ich mir nie merken. Er kann wirklich schöne Musik machen und singt auch gut. Er ist auch so ein prima Kerl, mit dem ich mich gerne unterhalte. Nur manchmal, meistens kurz bevor wir um 17:00 Uhr unsere Medikamente bekommen, wird er komisch. Er sagt dann, er hieße Nicole und müsse zum Bauch-Beine-Po-Training wegen seiner Problemzonen. Da ist er mir dann immer ein wenig unheimlich.
Ein wenig unheimlich ist auch Herr Grob. Er möchte nur „Herr Grob“ genannt werden und besteht darauf, dass ihn alle siezen. Er ist recht streng und meistens weiß niemand, wovon er spricht. Manchmal erzählt er von seinen Erfahrungen auf einem Raumschiff. Und immer, wenn er mich irgendwo sieht begrüßt er mich mit den Worten „Na, Du, kleiner dsungarischer Zwerghamster, was machst Du da?“ Es ist egal, was ich auf diese Frage antworte, die daraus entstehenden Dialoge sind immer sehr befremdlich und verschüchtern mich ein wenig. Aber das geht den anderen genauso. Spökiburger nennt er immer „Herr Molle“; da muss ich dann immer lachen.
Mein bester Freund hier ist Doktor Sno. Stundenlang sitzen wir zusammen am Tisch im Gruppenraum und malen Bilder zusammen und denken uns Geschichten aus. Er heißt Doktor Sno, weil er immer so tut, als würde er auf Skiern fahren. Wenn er geht, kommentiert er immer alles, etwa so:
„Achtung, da vorne ist Tiefschnee. So, hier kann man mal Schuss fahren. Oh, oh…hier besser nur Schneepflug.“ Schneepflug. Das muss er immer machen, wenn Fabian uns das Essen bringt. Fabian ist ein ganz junger Kerl, der hier in der Küche arbeitet. Er ist sehr nett, aber einmal hat Sno ihn „im Schuss“ „angefahren“, als er gerade ein Tablett mit Geschirr trug. Die Folge war, dass Fabian Sno fürchterlich ausgeschimpft hat und Sno eine Woche nicht malen durfte.
Sno meinte allerdings mal leise zu mir, dass der Unfall Fabians Schuld gewesen sei, weil der so unbeholfen aus seinem Snowboard sei.
Einmal pro Woche werden wir zum Teetrinken in die Frauenstation geführt. Ich setze mich dann immer an den Tisch von Bine Brummelschlumpf. Sie sagte, sie habe früher Artikel für Zeitungen geschrieben, und sie schaut jeden Abend die Nachrichten im Fernsehen.
Raphael, der Pfleger der Frauenstation bringt ihr immer alle möglichen Zeitungen und Zeitschriften mit, die sie dann mit mir zusammen anschaut. Vieles ist mir fremd, aber Bine Brummelschumpf kann gut erklären.
To be continued…
Geschribbsel IV
Härte. Stabilität. Geradlinigkeit. Folgerichtigkeit. Disziplin. Das waren seine Werte - in jeder Hinsicht.
Seine Wohnung bestand nur aus Holz, Glas und Metall. Der Boden war aus gepflegtem Parkett, die Wände ein solides Rauhfaserweiss. Seine Möbel bestanden entweder aus einer Kombination aus Glas und Edelstahl wie zum Beispiel sein Couchtisch oder waren aus blauem Metall wie die Spinde, die er statt normaler Schränke benutzte.
Die ganze Wohnung war stets militärisch ordentlich und gereinigt. Seine Kleidung wirkte immer frisch gewaschen und gebügelt (was sie auch war).
Sein Körper war trainiert wie der eines Hochleistungssportlers und wies kein Gramm Fett auf.
Sein Geist beschäftigte sich nur mit Logik, Regeln und Berechnungen. Gefühle, Unregelmäßigkeiten, Maßlosigkeiten waren ihm fremd und unangenehm.
Sehr zu seinem Mißfallen war die Welt nur in seinem Zuhause in Ordnung. Sobald er sie verließ, fühlte er sich wie in einem Alptraum. Die Menschen waren so undiszipliniert, so gesteuert von Gelüsten und Ängsten. Sie handelten nicht folgerichtig und verstießen gegen Regeln und Gesetze.
Er war nicht länger bereit, das hinzunehmen. Seine Ausrüstung hatte er jetzt beisammen:
Eine weite, schwarze Hose und ein großes, schwarzes Kapuzen-Sweatshirt. Springerstiefel mit Stahlkappe. Eine schwarze Eishockey-Maske. Einen schwarzen Schlagstock, den er an seinem Koppel einhängen konnte. Ein Reizstoffsprühgerät. Einen Elektroschocker. Ein geschwärztes Klappmesser.
Heute würde er anfangen die Welt da draußen aufzuräumen. Nicht zu viel. Ein bisschen. Und morgen wieder. Und am nächsten Tag auch. Irgendwann würden die Leute lernen und verstehen. Und bis dahin mussten sie eben schmerzhafte Erfahrungen machen…
(aus: Fingertanz-Alex-, Nomak, 2006)
Geschribbsel III
"Typisch für die dissoziale Persönlichkeitsstörung sind Verantwortungslosigkeit und Missachtung sozialer Normen, Regeln und Verpflichtungen, fehlendes Schuldbewusstsein sowie geringes Einfühlungsvermögen in andere. Oft besteht eine niedrige Schwelle für aggressives bzw. gewalttätiges Verhalten, eine geringe Frustrationstoleranz sowie mangelnde Lernfähigkeit aufgrund von Erfahrung. Beziehungen zu anderen Menschen werden eingegangen, sind jedoch nicht stabil.Menschen mit dissozialer Persönlichkeitsstörung kommen häufig mit dem Gesetz in Konflikt. Der ältere Begriff "Psychopathie" für diese Störung wird in der aktuellen Literatur nicht mehr verwendet."
(Wikipedia)
Eine dissoziale Persönlichkeitsstörung hatte man ihm im jugendlichen Alter diagnostiziert, nachdem er wiederholt straffällig geworden war. Er sah das anders. Er war nicht krank. Er war…unverkrampft und wusste, was er wollte. Entschlossen und unabhängig. Ja, so würde er sich selbst beschreiben.
Er sah das so: Es war sein Leben und da musste er schließlich am besten wissen, was für sein Leben gut und richtig war.
Gesetze, Verordnungen, Regeln - alles viel zu allgemein. Die Menschen, die sie erdacht hatten, hatten sich sicher eine Menge Mühe gemacht. Aber sie kannten ihn ja gar nicht. Woher sollte sie wissen, was für ihn das Beste war. Und darum ging es schließlich im Leben: glücklich zu werden und zu bleiben. Die meisten anderen Menschen machten sich das so schwer. Sie waren so verkrampft, so unentspannt, so weinerlich.
Er ruhte in sich selbst. Wenn er etwas wollte, dann nahm er es sich. Zum Beispiel seinen Namen. Genau wie Gesetzgeber nicht wissen, was für ihn das Richtige ist, wussten auch seine Eltern nicht, was er für einen Namen haben wollte. Er dagegen wusste, was er wollte. Er wollte so heissen wie eine Figur aus einem Stephen King Roman, ein Bierbrauer mit akademischem Abschluss und einer Schwäche für Raufereien und philosophische Diskussionen: Armand St. Pierre.
Dieser Name stand heute auch in seinem Ausweis, auch wenn er natürlich nicht unter diesem Namen geboren war. [mehr]
Geschribbsel II
[…]Hank saß im Dunkeln auf dem Sofa. Ein Teelicht auf dem gläsernen Couchtisch wirkte klein und schüchtern und gab doch gerade so viel Licht, dass die Flasche Johnny Walker, Blue Label wie magisch erleuchtet wurde. Einen Schluck, dachte er. Einen Schluck könnte ich doch trinken. Warum denn nicht? Ich habe schließlich seit zehn Jahren nichts mehr getrunken.[Nun, ja. Wenn man den Tag in der letzten Woche nicht mitzählt…]
Da war sie wieder. Die tiefe Stimme in seinem Inneren. Sie hatte ganz leichte Stimmungsschattierungen, war aber immer absolut ruhig, voller unerschütterlichem Selbstbewußtsein. Er versuchte, dieser Stimme nicht zuzuhören. Jeder Mensch, naja, fast jeder Mensch trinkt doch Alkohol. Also kann ich auch ab und zu ein wenig davon kosten.
[Klar, vor allem weil kaum jemand so viel Spaß danach hat wie Du, hohoho.]
Tief, amüsiert, mit einem gluggernden tiefen Lachen.
Hör auf damit! Ich bin nicht anders als andere Menschen.
[Natürlich nicht. Prost, mein lieber Freund.]
Einladend, leicht spöttisch. Hanks Hand schiebt sich langsam auf die Flasche zu, als ein Bild vor seinem inneren Auge aufblitzt:
Menschen schreien. Auf dem Boden liegt jemand. Überall ist Blut. Jemand lacht laut und grollend. […]
(aus: Fingertanz, Nomak, 2006)
Geschribbsel
[…]Er erwacht. Endlich. Der menschliche Teil hat nach langer Zeit mal wieder die Kontrolle verloren und ihn herausgelassen. Er weiss nicht warum und es ist ihm egal. Nachdenken ist sowieso nicht seine Stärke. Er ist geschaffen, um zu handeln.Er stellt fest, dass er sich am Rheinufer befindet. Es scheint früher Abend zu sein, denn es ist leicht dämmerig. Er ist nur mit Schuhen und Jeans bekleidet, aber er friert nicht. Etwa zwanzig Meter von ihm entfernt kann er einen Mann im dunklen Anzug sehen. Er ist etwa fünfzig Jahre alt und hat dunkle Haare mit graumelierten Schläfen. Er sagt scherzhaft etwas zu seiner Begleiterin, die darüber, im Gegensatz zu ihm, aber nicht lachen kann.
Der Mann ist der Grund für sein Erwachen. Er weiss es. Er weiss nicht, wer der Mann ist oder was er getan hat. Das spielt für ihn auch keine Rolle. Er beginnt auf den Mann zuzugehen. Er wird schneller. In seinem Inneren hört er Rob D „Bad Blood“ kreischen. Er fängt an zu laufen. Ein Lächeln beginnt, sich auf seinem Gesicht auszubreiten und geht in ein grollendes Lachen über. Er spürt jeden Muskel in seinem Körper, Adrenalin und Endorphine werden im Übermaß ausgeschüttet. DAS ist Leben. DAFÜR gibt es ihn.
Der Mann im Anzug und seine Begleiterin haben ihn inzwischen bemerkt. Verstörung zeigt sich auf ihren Gesichtern. Sie wollen ihm ausweichen und der Mann streckt ihm abwehrend seine Arme entgegen.
Es dauert nicht lange. Mit einem Hechtsprung bringt er den Mann zu Boden. Die Frau fängt an um Hilfe zu rufen, als zwei Schläge, schnell wie ein Blitzschlag im Sommer, eine Nase brechen. Gierige Zähne fahren in einen Hals, beissen, reissen und wühlen. Der Mann wehrt sich verzweifelt, aber genauso gut könnte er versuchen ein tollwütiges Pavianmännchen zu vertreiben.[…]
(aus: Fingertanz, Nomak, 2006)