Gedanken eines Revolvermannes
„Der Mann in schwarz floh in die Wüste und der Revolvermann folgte ihm …“
Opi
Heute waren wir bei Opi, denn er ist heute 85 geworden. Ich habe ihn das letzte Mal vor fünf Jahren gesehen. Sagt meine Mutter zumindest, denn ich kann mich irgendwie nicht mehr daran erinnern.
Als ich ein kleiner Junge war gab es für mich die Große Oma und den Großen Opa, sowie Omi und Opi. Omi und Opi wohnten direkt nebenan, in der zweiten Hälfte eines Doppelhauses. Natürlich haben wir uns nahezu täglich gesehen, denn die Gärten der Häuser waren nicht von einander getrennt, sondern bildeten quasi ein großes Grundstück.
Es war immer super in den Garten zu gehen, wenn Opi dort war (und das war er oft). Opi ließ mich Sachen anfassen, die mein Vater für zu gefährlich hielt. Opi verstand nicht nur meine Faszination für Messer, sondern war ihr genauso verfallen. Er hatte eine Unmenge der verschiedensten Messer und wurde es nie überdrüssig, sie mir zu zeigen oder mir Geschichten darüber zu erzählen. Im Geschichten erzählen war er sowieso großartig. Während der Große Opa ein Kriegsheld gewesen war, Auszeichnungen ohne Ende erhalten hatte, allerdings auch Kriegsgefangenschaft und böse Verletzungen erlitten hatte, hatte Opi im Krieg auf irgendeiner Insel relativ unbeschadet von allem die Zeit verbracht. Der Große Opa mochte nicht vom Krieg erzählen. Opi dagegen wusste genau, was ein kleiner Junge hören will und erzählte immer wieder von seinen "Abenteuern", von herrischen Vorgesetzten, denen er eins ausgewischt hatte, von Pistolen, Gewehren und Meisterschaften im Muschelwettessen, die er zwar gewonnen hatte, dafür aber leider nicht mehr korrekt in sein Koppel passte.
Wenn wir nicht darüber sprachen ließ er mich durch die Zielfernrohre seiner Gewehre schauen, erklärte mir, wie man eine Steinschleuder korrekt benutzt und führte mir seine Armbrust vor. So vergingen die Jahre bis Opi vor ca. 20 Jahren Omi wegen einer jüngeren Frau verließ. Was sich erstmal putzig anhört, fand Omi gar nicht putzig und es entstand eine Familienfehde, die die Familie in zwei Lager spaltete.
Opi ließ sich scheiden, heiratete neu und zog mit seiner neuen Frau in eine andere Stadt.
Zwischen Opi und mir hatte sich nichts verändert. Aber ich konnte damals ja noch nicht autofahren, und somit konnte ich ihn alleine nicht besuchen. Er dagegen konnte nicht mehr zu uns kommen. Am Anfang fuhr meine Mutter (seine Tochter) öfter mal mit mir und meiner Schwester zu Besuch dorthin, aber dann wurde es immer seltener, dass wir mitkamen.
Irgendwie hat die Redewendung "aus den Augen, aus dem Sinn" schon ihre Berechtigung. Ich habe Opi nicht vergessen. Aber all die Weihnachten, die er auf einmal nicht mehr dabei war, all die anderen Familienfeiern. Die Konfirmation meiner Schwester, ihre Hochzeit, die Taufen ihrer Kinder. Meine Hochzeit. Man gewöhnt sich daran, dass Opi nie in diesem Familienkreise zu sehen ist. Man denkt nicht mehr darüber nach. Omi ist da - Opi nicht. Ganz klar.
Und heute sollten wir uns wiedersehen. Er würde zum ersten Mal meine Frau sehen. Meine Mutter meinte, ich solle nicht traurig sein, wenn er mich nicht erkennen sollte. Hat er aber. Und obwohl er ja heute Geburtstag hatte, kam er nach fünf Minuten zu mir. Die eine Hand mühsam auf einen Stock gestützt, in der anderen einen Umschlag. Er gibt mir den Umschlag und reicht mir die rechte Hand. "Herzlichen Glückwunsch, wollte ich Dir noch sagen. Ich wollte Dir das schon früher geben, aber ich wusste nicht, wo Du jetzt wohnst." Ehepaar Nomak steht auf dem Umschlag. Darin ist eine Glückwunschkarte zur Hochzeit und Unmengen Geld. Und ich habe ihn nie angerufen, ihm nicht mal eine Karte geschrieben. Dachte, er wüsste gar nicht, dass ich geheiratet hätte. Ich fühle mich wie vor den Kopf getreten.
Opi hört inzwischen schlecht und kommt nur mühsam voran. Seinen Humor hat er aber nicht verloren. Am Kaffeetisch sieht er seinen Bruder an und sagt skeptisch:"Na, Du hast aber ganz schön wenig Haare, hm!" "Ja, nun. In meinem Alter…!", begehrt dieser auf. "Soo wenig Haare - dabei bist Du doch zwei Jahre jünger als ich!", gluckst Opi, zeigt auf stolz auf die eigenen weißen Locken und in den dunkelbraunen Augen blitzt der alte Schalk auf.
Später beugt er sich zu seiner Frau und wispert ihr zu:"Du, rasiert der Nomak sich den Kopf?" "Fragen wir ihn!", entgegnet sie und blickt mich an. Als ich das bestätige schaut er mich an und lacht still in sich hinein und sein Bäuchlein hüpft.
Dann sagt Opi nicht mehr viel. Aber er schaut dem ausgelassenen Spielen seiner kleinen Urenkelinnen zu und lächelt still vor sich hin. Obwohl er sich nur so mühsam bewegen kann, kann nichts ihn davon abhalten, den Stoffhund, den die anderhalbjährige Urenkelin im mit einem bestimmten "da!" vor die Füße wirft vom Boden aufzuheben und sie damit zu necken.
Später haben fast alle Gäste den Heimweg angetreten, nur meine Mutter, meine Frau und ich sind noch da. "Ach, ja. Bleibt noch ein bisschen. Dann können wir uns besser unterhalten. Opi hat so viele Fragen. Er fragt mich immer danach, aber ich weiss das ja auch nicht alles. Jetzt könnt ihr ihm das mal alles erzählen!", sagt Opis Frau. Aber Opi stellt keine Fragen. Der Tag war anstrengend und er ist müde. "Hm, Nomak, dann erzähl so ein bisschen was von Dir!", fordert sie mich auf. Ich beginne ein bisschen zu erzählen. Nach einer Weile fragt sie Opi, ob das alles nicht sehr interessant sei. "Ich weiss nicht. Ich höre schlecht, ich kann überhaupt nichts verstehen.", grummelt er. "Okay, dann erzähle ich Dir das später nochmal alles.", erwidert sie geduldig.
Kurze Zeit später fahren wir. Ich verabschiede mich von Opi und bedanke mich für die Einladung. "Nicht zu danken, gern geschehen", sagt er gelassen. Dann sieht er mir in die Augen. "Ich hoffe, wir sehen uns noch mal…!" Ich konzentriere mich, damit meine Stimme tief und fest bleibt. "Na, klar Opi. Bis bald."
Während ich das schreibe, ist meine Kehle eng und meine Augen sind feucht. Ich habe mir fest vorgenommen, ihn bald wieder zu besuchen.
Ich hoffe auch sehr, dass wir uns nochmal sehen, Opi. Und dann erzähle ich wieder. Alles, was Du heute nicht verstanden hast. Ich erzähle es gerne auch ein paarmal. Schließlich bist Du es auch nie müde geworden, einem kleinen Jungen die selben Geschichten immer und immer wieder zu erzählen.
P.S.
Lieben Gruß an Lukullus und vielen Dank, dass Du Deinen Urlaub unterbrochen hast, damit ich heute dienstfrei machen konnte. Du hast fett was gut bei mir.
#1. Tapedeck schrieb am 26.08.2006 um 23:21 Uhr:
Wie schön =) Ich wünschte mein Opa wäre noch am Leben...kaum zu glauben das er schon 9 Jahre tod ist und es immer noch manchmal weh tut...
Dir zumindest wünsche ich noch viele lustige Stunden mit deinem Opa :)
#2. Ali schrieb am 27.08.2006 um 16:23 Uhr:
Schöne Geschichte. :)
Dass die Augen dabei feucht werden, kann ich vollkommen verstehen. Wäre mir wohl auch passiert.
Ich habe meine Opis nie kennen gelernt. Der eine starb als mein Vater 9 Jahre alt war, der andere hat sich ähnlich wie bei dir von meiner Oma geschieden und irgendwo neu geheiratet. Noch bevor ich geboren war... Nunja.
#3. n schrieb am 29.08.2006 um 21:08 Uhr:
ooooh! das hast du aber sehr schön geschrieben.
#4. torres schrieb am 29.08.2006 um 21:15 Uhr:
Ach Mensch, Nomak, das ist ja wirklich eine sehr anrührende Geschichte. Habe gerade nach Deiner netten Mail (Freue mich sehr, dass Ihr kommt!!! Und Deine Frau endlich kennenzulernen! Klasse!) mal wieder Dein Blog besucht und komme auch wieder ins Grübeln über meine Großeltern. Ach ja.
#5. Nomak schrieb am 29.08.2006 um 22:32 Uhr:
DU bist TORRES? Jetzt bin ich ja total durcheinander...
#6. torres schrieb am 30.08.2006 um 06:32 Uhr:
*LOL* Was hast Du denn gedacht?
#7. Nomak schrieb am 30.08.2006 um 13:47 Uhr:
Hatte keine Ahnung, wer Torres ist. Dass DU hier liest und auch selber bloggst - ein Hammer. Freu mich.
btw: soll ich mal, nur zum Spaß, das Gutachten über mich zur Party mitbringen, damit wir gemeinsam feststellen können, was Psychologen für seltsame Typen sind...? ;-)
#8. nilz schrieb am 05.09.2006 um 04:07 Uhr:
nomak, die geschichte ist der hammer. ehrlich jetzt. fantastisch geschrieben, ich bin hellauf begeistert. und nein: ich hab nur was im auge...
#9. Nomak schrieb am 05.09.2006 um 04:10 Uhr:
Nur was im Auge, genau...
Wenn eine Geschichte einen anderen Menschen bewegen kann, ist das ein Riesenkompliment. Danke. Ich freu mich.